Die Kirche und die christlichen Organisationen bewegen sich aktuell – genauso wie die Gesellschaft als Ganzes – in einem sehr komplexen Umfeld der Transformation, stark getrieben von den Themen Digitalisierung und Agilität. Es muss/kann/soll viel gelernt werden: Streaming von Gottesdiensten, Durchführung hybrider Angebote, agile Entscheidungs- und Fortentwicklungsprozesse, und, und, und.

Aber wie kommen wir von A nach B? Wissensträger und Trainer sind rar und teuer. Zusätzlich wird Lernen häufig als „Last“ empfunden und es fällt schwer,  zum Lernen motivieren.

Wie können wir als Gemeinde/Organisation lernen? Wie verändern wir uns permanent? Wie wird Lernen zu einer Gewohnheit? Wie strukturieren wir Lernen und schaffen Wiederholbarkeit von Lernprozessen und Best Practices?

Wie kann es gelingen, dass dieser Lernprozess Geschwindigkeit aufnimmt? Denn wenn nicht die Geschwindigkeit des Lernens insgesamt in den Fokus der Veränderung gesetzt wird, kann es sein, dass das kürzlich neu erworbene Wissen schon wieder hoffnungslos veraltet und überflüssig ist, sobald es endlich erworben wurde.

In der Wirtschaft und in Non-Profit-Organisationen werden sich über diese Themen sehr viele Gedanken gemacht. Wir möchten mit GOTTDIGITAL dazu beitragen, dieses Wissen und das nötige Handwerkszeug auch in die christliche Community einzubringen, da wir denken, dass dies eine essentielle Kernkompetenz der Zukunft darstellt.

Lernen? Ist das nicht etwas für die Schule?

Wenn wir über „Lernen“ sprechen, formen sich in unseren Köpfen Bilder von (heruntergekommenen) Schulgebäuden und „Schulabschlussfeiern“ und es scheint manchmal so, als wäre mit dieser Abschlussfeier auch das Lernen im Großen und Ganzen nun abgeschlossen. Lernen ist etwas für Menschen bis maximal 25 Jahre und danach ist das Thema institutionell abgehakt. Lernen ist gedanklich verbunden mit dem in der Schule antrainierten, sturen und anstrengenden Prozess des Auswendiglernens von Fakten, die man in der Praxis kaum ein- und umsetzen kann. Und welche zu Erwerben in einer Zeit von Google und Smartphone zunehmend auch immer sinnloser erscheint. Kein Wunder, dass der Abschluss der Schul- oder Studentenzeit häufig als Befreiung erlebt wird und das Lernen anschließend Stück für Stück „verlernt“ wird. Das Lernen ist ab dann nicht mehr zielorientiert, sondern eher zufällig strukturiert oder wenn „man muss“.

Mal ganz ehrlich: Wer von den Lesern dieses Blog-Artikels hat ein konkretes Lernziel für das nächste halbe Jahr für sich definiert?

Die Wiederentdeckung des lebenslangen Lernens: Working Out Loud!

In den letzten Jahren hat sich in dieser Hinsicht glücklicherweise einiges geändert und entwickelt. Man hört und liest immer häufiger von Menschen, die sich selbst weiterbilden und fortentwickeln möchten und die – komischerweise – sogar Spaß und Freude daran haben! Eines der Konzepte, welches in den letzten Jahren hier einen regelrechten Hype erlebt hat, ist das Thema „Working Out Loud!“ von John Stepper. Es ist ein Konzept, welches die Bildung eines „growth Mindset“ – d.h. einer positiven Einstellung gegenüber dem Lernen – aktiv fördert.  Gestützt durch einen fertigen Leitfaden, der einen in 12 Wochen durch verschiedene Aufgaben und Lernprozesse führt, kann man zusammen in einer Gruppe (ca. 3-6 Circle-Mitglieder) das Lernen lernen und dies an einem frei gewählten Lernziel „ausprobieren“. Dabei geht es weniger darum, das Lernziel wirklich zu erreichen, sondern die Werkzeuge und Prozesse kennenzulernen, mit denen man generell Lernziele erreicht. Wenn man ein oder zweimal das WOL-Konzept durchlaufen hat, hat sich generell die Kompetenz zum Erreichen von Lernzielen signifikant gesteigert und man ist auch um 3-10 Freunde/Freundinnen reicher, die einen auf diesem Weg über 12 Wochen hin begleitet haben.

Mit GOTTDIGITAL haben wir in den letzten Jahren zwei sogenannte WOL Seasons organisiert und die sehr positive Rückmeldung zu diesen Circles unterstreichen diese Erfahrungen, die WOL-TeilnehmerInnen weltweit damit machen. Ihr könnt in unserem Blog-Beitrag zum Thema und der Aufzeichnung der Einführungsveranstaltung weitere Informationen dazu erhalten.

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WOL Grafik von Sabina Lammert

Das Ende von WOL für Non-Profit-Organisationen?

WOL hat vor allem aufgrund der ab ca. 2015 frei verfügbaren Circle Guides schnell eine weltweite Verbreitung gefunden. Leider wurde mit der fortschreitenden Kommerzialisierung des Konzeptes auch die Rahmenbedingungen eingeschränkt: Seit 2019 entfiel die Creative Commons-Lizenz für die Circle Guides und die Ablage der Circle-Guides im Intranet von Firmen wurde untersagt. 2022 wurden mehr als 400 frei verfügbare Blog-Artikel des WOL-Blogs entfernt und die Handbücher sind praktisch nur noch als Teil von bezahlten oder lizenzierten Kursen erhältlich. Die kostenfreie Teilnahme an WOL ist mittlerweile nur in sehr engen Grenzen und im privaten Umfeld möglich. Dies stellt v.a. auch Non-Profit-Organisationen vor die Herausforderung, wie man kostengünstig weiter auf dieses Know-How zurückgreifen und es erwerben kann.

lernOS: Helfer in der Not!

Eine mögliche Hilfe ist dabei das Framework lernOS, welches federführend von Simon Dückert mit seiner Firma Cogneon GmbH in den letzten Jahren erarbeitet wurde und unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht ist. Einen erste Einführung in das Konzept erhaltet ihr über diese Online-Präsentation und die folgende Zusammenfassende Grafik:

Was ist nun das Besondere an lernOS und warum ist es aus unserer Sicht gerade für Non-Profit-Unternehmen und christliche Organisationen so interessant:

  • Während WOL auf den/die einzelne/n TeilnehmerIn fokussiert, ist lernOS auch für die gemeinsame Erarbeitung eines Lernziels in einem Team (z.B. in einer Organisation oder Gemeinde) gut geeignet und konzipiert. Darüber hinaus kann es auch gut ganz alleine praktiziert werden, d.h. unabhängig von einer Peer-Group wie bei WOL.
  • Es folgt von der Herangehensweise dem WOL-Prinzip und wird ähnlich wie bei SCRUM in Sprints gegliedert und ist zeitlich in Abschnitte und Meilensteine („Boxenstopps“) eingeteilt bzw. begrenzt.
  • Das Erreichen eines konkrete Lernziels besitzt in diesem Konzept einen höheren Wert, als bei WOL, wo eher die Methodik zum Erreichen des Ziels im Vordergrund steht. Damit eignet es sich für Organisationen und Gemeinden ein konkretes Ziel zu erreichen, wie z.B. die Erstellung/Konzeptionierung eines eigenen Gemeinde-Podcasts.

Simon hat in unserem XPERT-Talk zum Thema eine ausführlich Einführung in das Thema gegeben und Ihr könnt Euch die Session auf YouTube ansehen:

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Der GOTTDIGITAL-Lifehack: WOL-Methodik mit lernOS erwerben

Auf Basis von lernOS als „Lernmotor“ und Framework lassen sich auch viele der Grundkonzepte von WOL erlernen, ohne dass Ihr unbedingt einen der kostenpflichtigen WOL-Kurse besuchen müsst. Dazu gibt es die Basis-Lernpfade „lernOS für Dich“ und „lernOS für Organisationen“. Die Themenbereiche, welche Ihr und Eure Organisation dabei durchlauft sind u.a.:

  • Produktivität und Stressfreiheit
  • Zielorientierung und Fokussierung
  • Offenheit und Vernetzung
  • zeitgemäßes Verständnis von Organisationen
  • Veränderung von Organisationen
  • Lernende Organisationen und ihre Feinde
  • Lernende Organisationen kultivieren

Alle, die das WOL-Konzept kennen, werden hier viele Parallelen feststellen, wenngleich es insgesamt natürlich auch nicht 1:1 WOL entspricht.

lernOS bietet über die klassischen WOL-Lerngebiete auch noch weitere Leitfäden zu spannenden Themen wie z.B.:

  • Community Management
  • Prozessmodellierung
  • Diversity & Inclusion
  • Sketchnoting
  • BarCamp
  • u.v.a.m.

Eigenes Wissen schaffen und Lernprozesse wiederholbar machen

Ein spannendes Thema für Kirche und christliche Organisationen ist das mit lernOS vorgestellte Verfahren, wie man gemeinsam Leitfäden erarbeiten kann. Wie wäre es, wenn nicht 100 Online-Streaming-Freaks jeweils einzelne Blogs zum Gottesdienst-Streaming veröffentlichen würden, sondern wenn es einen gemeinsam erarbeiteten „Best Practices“-Leitfaden dazu gäbe? Aber wie stimmen sich so viele Menschen bei der Erarbeitung von Wissen ab?

lernOS wird selbst über die Plattform GitHub verwaltet und Interessierte MitstreiterInnen können über das GitHub-Projekt selbst an Leitfäden mitarbeiten oder diese auch komplett für Ihre Zwecke kopieren und für Ihre Domäne (z.B. die Kirche) anpassen. Dies ist aufgrund der Creative-Common-Lizenz kostenfrei für den privaten und sogar den kommerziellen Gebrauch möglich! Wie die SoftwareentwicklerInnen unter Euch wissen, ermöglicht GitHub den MitarbeiterInnen an einem Leitfaden, dass ihr selbstständig Änderungen durchführen könnt und diese beim Verantwortlichen des Leitfadens „eincheckt“ bzw. darum bittet, dass der Text (=Code) eingearbeitet wird. In der Entwickler-Fachsprache nennen wir das „Pull-Request“.

Wie dies genau funktioniert, könnt Ihr Euch in unserem Video zum Thema ansehen oder hier im lernOS Tempalte Leitfaden nachlesen.

Die Kirche als Lernort und Know-How-Träger

Im Anschluss an unseren XPERT-Talk zum Thema lernOS hatten wir ein interessantes Gespräch und haben eine Vision formuliert: Wie wäre es, wenn Kirchengemeinden #WOL oder #lernOS anbieten würden und der Innovationsort für neue Lernmethoden wären? Wie wäre es, wenn man dort anhand von Themen der Kirche diese spannenden Mechanismen kennenlernt? Sicher wäre dies anziehend für viele Gemeindemitglieder, solche Methoden kennenzulernen und durch den Kleingruppen-Charakter bilden sich praktisch automatisch ganz viele neue persönliche Beziehungen, die langfristig alle voranbringen. Das Erlernen von neuen Fähigkeiten wie z.B. Online-Streaming, Band-Arbeit, Worship-Leitung, etc. kann über die 12-Wochen-Programmatik von #WOL und #lernOS in ein sehr spannendes Format verpackt werden, anstatt als die üblichen Wochenend-Seminare mit PowerPoint-Marathon.

Fazit und Ausblick

In diesem Blog-Artikel haben wir Euch WOL und lernOS vorgestellt. Beides sind fantastische Frameworks, um mit der persönlichen und organisatorischen Fortentwicklung voran zu kommen und dabei Freude zu haben und auch noch neue, interessante Menschen kennenzulernen! Viele TeilnehmerInnen der WOL-Circle halten bis heute regelmäßig Kontakt und bleiben auf einer gemeinsamen „Reise“. Teilweise gründen sie auch neue Circle und so multipliziert sich der ganze Prozess!

Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich empfehlen, dass es Sinn macht, mit dem WOL-Konzept zu beginnen und ein bis zwei Durchläufe damit durchzuführen, um in die Grundlagen der Methode hineinzufinden. Wenn Ihr das geschafft habt, ist lernOS ein tolles, agiles Konzept um dann kontinuierlich und dauerhaft Euch neue Fähigkeiten und Wissen zu erarbeiten und etwas zielgerichteter zu arbeiten.

Wir hoffen, dass durch unsere Veranstaltungen und diesen Artikel viele christliche Organisationen und Gemeinden Lust darauf bekommen haben, diese Konzepte einmal für sich auszuprobieren! Kommt gerne auf uns zu, wenn Ihr Fragen dazu habt oder Starthilfe braucht!

Experten-Exkurs: Geht das nicht auch alles mit SCRUM?

Hin und wieder werden wir gefragt, in welchem Zusammenhang die Themen WOL und lernOS mit dem Thema SCRUM stehen und ob dies als Alternative betrachtet werden kann?

SCRUM ist ein Framework, welches v.a. im Bereich der Software-Entwicklung eingesetzt wird und einem speziellen Regelwerk unterliegt, wie z.B. der Durchführung von Sprints, um bestimmte User-Stories (d.h. Anforderungen) umzusetzen. SCRUM basiert auf dem „Manifest für Agile Softwareentwicklung“ und beschreibt eine konkrete Ausgestaltung, wie Agilität operativ umgesetzt werden kann. Das Kern-Ziel von SCRUM ist es weniger Fähigkeiten zu erwerben , sondern konkrete Arbeitsfortschritte zu erreichen, welche am Ende die „Vision“ einer Lösung in die Wirklichkeit umsetzen. Die Verbindung von SCRUM zu WOL ist allerdings, dass ein ähnliches Mindset erforderlich ist bzw. gebildet wird, welches auf sichtbare, transparente Arbeit und z.B. Feedback-Schleifen und Fehlertoleranz („Fail early“) basiert.

Ganz grob würde ich die Unterschiede der Einsatzgebiete hier ungefähr so beschreiben (wohl wissend, dass sich die Profis in den entsprechenden Techniken an dieser Oberflächlichkeit stören werden 🙂

WOL: Du lernst in 12 Wochen ein definiertes Set an Fähigkeiten, welche Dir helfen, zukünftig besser bestimmte (Lern-/Entwicklungs-) Ziele zu erreichen.

lernOS: Du lernst in 12 Wochen ein bestimmtes Thema auf Basis moderner Lernkonzepte und „WOL-Fähigkeiten“. Auch das Lernen selbst, kannst Du über die Lernpfäde lernen („WOL“-like Lerninhalte).

SCRUM: Du möchtest mit einem Team eine Vision verwirklichen und befindest Dich in einem komplexen Umfeld mit teils unklaren/instabilen Anforderungen und/oder stark schwankenden Ressourcenkapazitäten (z.B. MitarbeiterInnen, Software-EntwicklerInnen). Dazu triffst Du Dich zyklisch alle 2-4 Wochen wiederkehrend und planst die nächsten Schritte der Umsetzung, bis die Vision umgesetzt ist. Damit dies gut gelingt, musst Du dafür sorgen, dass alle TeilnehmerInnen auch ein „agiles“ Mindset entwickeln. Hierzu wäre z.B. WOL gut geeignet.

Weitere Ressourcen

  • In unserem Blog-Artikel findest Du einen Einstieg in #WOL und den Einsatz in der christlichen Community
  • Peerfinder ist eine kostenfreie Plattform, innerhalb derer Ihr selbst Gleichgesinnte für die Durchführung eines WOL- oder lernOS-Circles suchen könnt oder Euch einfach einer anderen Gruppe anschließt.
  • Das agile Manifest ist eine der wichtigsten Grundlagen moderner Software-Entwicklung und definiert Prinzipien/Werte, welche den Prozess leiten sollen.
  • Working Out Loud ist die Landingpage für WOL und bietet den Zugang zur neuen WOL Community
  • Die LinkedIn-Gruppe Working Out Loud ist ein guter Einstiegspunkt in die Community.
  • Ein Artikel von Simon Dückert über den Verlauf der Geschichte bzgl. der Lizenzierung von Working Out Loud!
  • lernOS ist die Landingpage für LernOS und die verschiedenen Leitfäden. Im Bereich Connect kannst Du an der Community selbst mitwirken.
  • Der lernOS Template Leitfaden erläutert, wie Du selbst Leitfäden auf GitHub erstellen oder daran mitarbeiten kannst.